Manipulation statt Ernährungsaufklärung

Nutri-Score ist Verbraucher-Täuschung

Manipulation statt Ernährungsaufklärung

Foto: stock.adobe.com / Viacheslav (No. 6130)

sup.- Geht es nach dem Willen von Nahrungsmittel-Multis, die einen so genannten Nutri-Score auf ihre Produkte drucken wollen, lernen wir, was gesunde Ernährung ist. Regelmäßig Fischstäbchen mit Fertigpommes aus der Tüte. Zur kulinarischen Abwechslung gibt es dann ein in Folie verschweißtes Fertiggericht mit Schnitzel, Spaghetti und Tomatensoße. Der Score signalisiert, was man aus Regal und Tiefkühltruhe nehmen oder besser liegen lassen sollte. Ein grünes A ist die Hoffnung auf gesunde Ernährung und ein rotes E ist bei dem fünfstufigen Score die gelernte Warnfarbe. Dieses Label wird die Verbraucher erstens um den Verstand und zweitens um eine ausbalancierte Ernährung bringen.

Mit dem Score versuchen die Konzerne, eine Auswahl ihrer Produkte in einem guten Licht erscheinen zu lassen. Das mag für das individuelle Marketing dieser Unternehmen vorteilhaft sein, für den Verbraucher ist es die pure Verwirrung. Warum soll ein mit D markiertes Olivenöl, das ganz wesentlich zu der immer wieder gepriesenen mediterranen Küche gehört, künftig schädlich sein? Soll man sich für ein Roggenbrot mit A entscheiden, weil ein Knäckebrot nur mit C gekennzeichnet ist? Warum ist ein mit D markierter Räucherlachs ungesund, während ein gefrorener Lachs als gesund mit A gekennzeichnet wird? Das Fertiggericht mit Schnitzel, Spaghetti und Tomatensoße aus der Retorte erweckt mit dem grünen A den sicheren Eindruck, es sei als tägliches Nahrungsmittel für die Gesundheit besonders wertvoll. Nüsse sind schlecht, weil sie nur ein D bekommen. Der Produzent von mit lindgrünem B gekennzeichneten Fischstäbchen freut sich. Sie können täglich mit den Fertigpommes, die ein sattgrünes A haben, kombiniert werden. Bei regelmäßigen Fischstäbchen mit Pommes drängt sich der Verdacht auf, dass diese farbenfrohe Ampel wohl kaum der richtige Weg zur gesunden Ernährung ist. Sie ist Verbrauchertäuschung.

Der Irrweg des Nutri-Scores lässt sich am Beispiel von Nudeln transparent machen. Fertigprodukte, also verzehrfertig vorbereitete Nudeln in Konserve oder Folie schneiden besser ab als Nudeln, die in der Küche selbst zubereitet werden müssen. Dies liegt an ihrem höheren Wassergehalt, der ihnen einen Vorteil verschafft. Herkömmliche Nudeln in der Packung, die zuhause noch selbst im Wasser zu kochen sind, werden mit dem Trockengewicht berechnet. Das lässt sie schlechter abschneiden als die industriell gekochte Nudel in der Dose. Das ist Unsinn mit System.

Grundsätzlich sagt die Bewertung eines isoliert betrachteten Nahrungsmittels über seinen eigentlichen Wert nichts aus. Ein einzelnes Lebensmittel ist vielmehr Bestandteil einer aus der Kombination zahlreicher Lebensmittel bestehenden Ernährung. Deshalb fordert der Autor Detlef Brendel in seinem Buch „Schluss mit Essverboten“ (Plassen-Verlag), dass die Diskriminierung einzelner Nahrungsmittel endlich gestoppt werden muss. Diesen Irrweg zu beenden, begründet auch Prof. Dr. Peter Stehle, ehemals Präsident der Deutschen Gesellschaft für Ernährung. In der Rheinischen Post stellt er fest: „Ich halte es für unsinnig, Ernährungsvorgaben, die auf eine Tages- oder Wochenzufuhr errechnet wurden, auf einzelne Lebensmittel herunter zu brechen. Das ist ernährungswissenschaftlich fragwürdig.“ Jedes einzelne Lebensmittel spielt in der gesamten Ernährung nur eine kleine Rolle. Und mit einigen lebensmitteltechnischen Tricks können gewünschte Bewertungen konstruiert werden. Stehle stellt fest: „Dann habe ich zwar eine grüne Bewertung, aber ein Lebensmittel, das überhaupt keinen Sinn mehr hat.“

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