DER STANDARD-Kommentar "Verzweifeln am ORF" von Harald Fidler

Bevor der Küniglberg von allen Gebühren fordert, muss er klären, wofür er da ist

Wien (ots) – Wem da nicht Hören und Sehen vergeht, der zweifelt am Verstand. Am eigenen oder dem des ORF. Das zeigt schon ein Detail. Der Rechnungshof riet dem ORF etwa 2008, sein Gebäudemanagement auszulagern und so 4,3 Millionen Euro zu sparen. Auch noch 2012 vermissen die Staatsprüfer die Ausgliederung._Der ORF entgegnet, er habe da aber 1,35 Millionen über drei Jahre gespart. Noch kein Grund zu zweifeln. Wären da nicht mehr als hundert freie Programmmitarbeiter. Die meisten von ihnen produzieren jene öffentlich-rechtlichen Programme, mit denen der ORF rund 600 Gebührenmillionen rechtfertigt. 500.000 Euro: So viel mehr soll ORF-General Alexander Wrabetz diesen Mitarbeitern geboten haben, um ihre prekären Arbeitsverhältnisse zu verbessern, zu normalisieren, ja menschenwürdig zu machen. Zugleich aber kürzt der ORF Sendungsbudgets – und damit auch Honorare. Das könnte auf 500.000 Euro weniger hinauslaufen. Wer von Honoraren des ORF abhängt, zweifelt da nicht mehr. Der verzweifelt. Oder eher: Die verzweifelt. Der Großteil der prekär bezahlten Freien im ORF sind Frauen. Rechnete der Rechnungshof richtig, könnte der ORF allein 860.000 Euro pro Jahr einsparen, indem er seine Gebäudemanager auslagert. Freie Mitarbeiter produzieren mehr als die Hälfte des Ö1-Programms zumindest mit. In den TV-Kulturmagazinen sorgen sie für ein Drittel der Beiträge. Diese Kernaufgaben eines öffentlich-rechtlichen Senders wirken vor einem Panorama aus US-Serien und -Filmen, Massensport, Shows und Dokusoaps nach meist privaten Vorbildern oft wie Feigenblätter. 30 der 600 Gebührenmillionen fürchtet der ORF nun zu verlieren: Laut Gesetz muss ihm die Republik nur bis 2013 einen Teil der Gebührenbefreiungen abgelten. Also droht der ORF wie alle paar Jahre, etwa wenn er höhere Gebühren will, mit Kürzungen. Die APA schreibt auf der Basis der ORF-Finanzvorschau, ohne weitere Abgeltung „müsste der Sender wohl auf den Kernauftrag fokussieren“ und „Zusatzverpflichtungen überprüfen“. Geld für österreichische Produktionen meint der ORF da; für Produzenten, die stets laut für ihre Überweisungen eintreten. Untertitel und Audiokommentare, weil Behindertenverbände ebenso laut protestieren. Und er droht zu Sparen an ORF 3 – wo der Sender Info und Kultur lieber pflegt als in Hauptprogrammen. Nur: Information und Kultur, österreichische Produktion und Service für Hör- wie Sehbehinderte sind keine Zusatzverpflichtungen. Das ist ein Kernauftrag. Der ORF aber „fokussiert“ 2013 mehr als 30 Millionen auf Massensport: Olympische Winterspiele, Fußball-WM, vielleicht kann man die österreichische Bundesliga dazuzählen. All das zeigen auch Privatsender gerne, ganz ohne Gebühren. Gleich nach der Gebührenabgeltung wünscht sich der ORF eine Haushaltsabgabe wie in Deutschland und der Schweiz: Jeder Haushalt muss für die öffentliche Aufgabe Rundfunk zahlen, ob er ihn empfangen kann oder nicht. Eine gute Gelegenheit, die öffentliche Aufgabe vom vagen „Information, Kultur, Unterhaltung, Sport“ zu fokussieren. Und eine Gelegenheit für den ORF, sich zu überlegen, ob Verwaltung und Technik seine Existenz rechtfertigen oder doch vor allem Programm, das sich klar von Privaten unterscheidet. Damit der Verstand gleich erkennt, wofür es diesen ORF gibt.

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