DER STANDARD-Kommentar: "Schwarz oder Weiß" von Günther Oswald

„Nicht nur in privilegierten Jobs ist Arbeiten bis 70 möglich“; Ausgabe vom 17.03.2012

Wien (ots) – Arbeiten bis 70? Was für ein Wahnsinn, werden Kritiker sofort einwenden. Sollen wir uns bis ins Grab für die Firmen aufopfern? Außerdem, wie soll denn das überhaupt gehen? Soll der Bauarbeiter bis 70 auf dem Gerüst stehen? Soll der Spengler mit dem schweren Kreuzleiden noch mit 68 am Dachstuhl herumklettern? Es finden sich schnell viele, und auch gute, Argumente, warum Arbeiten über das aktuelle Pensionsalter hinaus abzulehnen ist. Mit Pauschalurteilen kommen wir in der Diskussion aber nicht weiter. Sicher: Nicht jeder Job ist dafür geeignet, bis 70 ausgeübt zu werden. Gleichzeitig ist es aber nicht überall unzumutbar, bis 70 oder sogar noch länger erwerbstätig zu sein. Dabei geht es keineswegs nur um privilegierte Uni-Professoren oder leitende Angestellte, die ihr komplettes Arbeitsleben am Schreibtisch verbracht haben. Es gibt nicht nur Schwarz oder Weiß, sondern 1000 Abstufungen dazwischen. In den skandinavischen Ländern hat man bereits vor 20 Jahren begonnen, sich mit den Grautönen zu beschäftigen. Bei uns ist es schon eine Sensation, wenn sich die Regierung das Ziel setzt, das faktische (nicht das gesetzliche!) Pensionsantrittsalter bis 2020 um 2,5 Jahre anzuheben. Dass damit nur die bis dahin gestiegene Lebenserwartung kompensiert wird, bleibt unerwähnt. Trotzdem: Es ist löblich, wenn zumindest versucht wird, Lücken im Pensionssystem – etwa bei der Invaliditätspension – zu schließen. Es gilt nämlich nicht nur das Sprichwort: Wo ein Wille, da ein Weg. Sondern auch: Wo ein Weg (in die Pension), da kommt auch ein Wille auf. Von politischer Seite kaum angesprochen werden bisher aber falsche Anreize im System. Nicht alles, was gut gemeint ist, funktioniert auch gut. Am Beispiel des strengeren Kündigungsschutzes für Ältere: Natürlich hilft er dabei, dass Leute nicht beim leichtesten wirtschaftlichen Gegenwind gekündigt werden. Umgekehrt hält er Betriebe aber auch ab, Ältere einzustellen. Wenn ich weiß, dass ich den 30-Jährigen im Ernstfall schneller loswerden kann als den 55-Jährigen, werde ich wahrscheinlich den 30-Jährigen aufnehmen. Noch dazu, weil dieser höchstwahrscheinlich deutlich billiger ist. Laut einer Studie des Europäischen Zen-trums für Wohlfahrtspolitik und Sozialforschung verdienen 60- bis 64-jährige Männer im Schnitt um 213 Prozent mehr als 25- bis 29-jährige. Bei den Frauen liegt die Kluft bei 175 Prozent. Sicher sind hier Berufserfahrung oder Spezialkenntnisse nicht berücksichtigt. Bei derart hohen Mehrkosten ist es aber fast unmöglich, dass die Produktivität der älteren Arbeitnehmer mit den steigenden Löhnen mitkommt – wodurch sie unattraktiver werden. Man kann nicht alles haben: höhere Bezahlung, bessere soziale Absicherung und eine hohe Beschäftigungsquote. Bis zu einem gewissen Grad handelt es sich bei diesen Faktoren um kommunizierende Gefäße. Anreizsysteme sind bei uns noch wenig ausgeprägt – etwa ein höheres Arbeitslosengeld am Anfang der Jobsuche. Oder ein Bonus für Betriebe, deren Mitarbeiter seltener krank werden. Solche Dinge zu ändern ist aber im konsensorientierten Österreich nicht leicht. Ein niedriges Pensionsalter ist politisch weniger heikel als eine höhere Arbeitslosenrate – auch wenn es volkswirtschaftlich teurer ist. Es ist leichter, sich mit Reförmchen durchzuschwindeln und sich klar festzulegen: Ich bin für Schwarz oder für Weiß.

Rückfragehinweis: Der Standard, Tel.: (01) 531 70/445

Digitale Pressemappe: http://www.ots.at/pressemappe/449/aom

 

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