DER STANDARD-KOMMENTAR "Frauentag hinter dem Mond" von Petra Stuiber

Alltagssexismus statt Quote und Papamonat: Ein Land will nicht dazulernen – Ausgabe vom 8.2.2012

Wien (ots) – Kurz nach Mitternacht in der Wiener Herrengasse: Aus dem Tor der Standard-Redaktion stolpert erschöpft das Schlussdienst-Team: der Layouter, der Bildbearbeiter, die Redakteurin. Sie prallen auf ein Rudel lustiger junger Passanten. Einer ruft: „Oh, da kommen die Herren Standard-Redakteure!“ Dass eine Frau Redakteurin dabei ist, hat das Bewusstsein des jungen Mannes gar nicht erreicht. Grund zur Wehleidigkeit besteht deswegen nicht – verwunderlich ist es aber auch nicht. Schließlich gehen Österreichs Medien selbst mit den Themen Frauen, Gleichstellung oder Gendergerechtigkeit wenig sensibel um. Im vorwöchigen Falter etwa wischten es der stellvertretende Chefredakteur Florian Klenk und der Grünen-Abgeordnete Peter Pilz einträchtig vom Tisch. Gemeinsam wurde darüber gerätselt, warum die Öko-Partei bei Wahlen nicht recht vom Fleck kommt. Vielleicht, mutmaßte der Falter-Mann, hätten sich die Grünen zu sehr „um das Binnen-I gekümmert“. Was Pilz entrüstet zurückwies: Man habe aus der „Themennische Feminismus“ längst herausgefunden. Gratuliere – da haben zwei verstanden, was uns ökonomisch vorwärtsbringt. Noch offener zeigte der Kurier dieser Tage sein Frauenbild. Eine anmutige Fotomontage unter der Schlagzeile „Game over für Grasser?“ zeigte denselben im Millionenshow-Setting bei der Entscheidungsfrage. Die letzte der vier Möglichkeiten, aus denen die Zeitung den ehemaligen Finanzminister wählen lassen wollte, lautete doch tatsächlich: „Lebenslänglich mit Fiona.“ Tiefer gehtx{2588}s kaum noch. Machismo, Sexismus, Vom-Tisch-Wischen weiblicher Anliegen sind Teil einer Alltags(un)kultur, die (auch) von Medien geprägt wird. Es mangelt nicht nur an Frauen in Chefpositionen, es mangelt am Bewusstsein, dass gerade in Zeiten ökonomischer Krisen ohne Frauen kein Staat zu machen ist – und dass das auch eine Männer- und eine Familienfrage ist. Typisch ist, dass eine neue Studie von Ernst Young kaum mediale und keine politische Resonanz fand. Sie belegt, dass Unternehmen in Europa, die Frauen im Vorstand haben, in den letzten Jahren deutlich bessere Ergebnisse einfuhren als Firmen mit rein männlichen Führungsetagen. Wirtschaftsminister Reinhold Mitterlehner, der angeblich auch für Familienthemen zuständig ist, hat sie wohl nicht gelesen. Er kann sich Frauenquoten für Aufsichtsräte nicht einmal vorstellen, und die Idee von drei verpflichtenden Papamonaten hält er für „utopisch“. Österreich hockt nicht alleine hinter dem Mond. In Deutschland diskutieren Medien seit Wochen erregt darüber, ob Bettina Wulff am offensichtlichen Charakterdefizit ihres Mannes Schuld trägt und ob die neue „First Lady“ ihren Freund Joachim Gauck nun heiraten muss. Wenigstens wird dort von politischer Seite lebhaft die Quotenfrage diskutiert, und Journalistinnen haben eine Initiative gestartet, damit endlich mindestens 30 Prozent der Chefpositionen in deutschen Medien mit Frauen besetzt werden. Für Österreich wird es wohl wieder einmal Brüssel richten müssen. EU-Gleichstellungskommissarin Viviane Reding hat das „Schneckentempo“ bei der Verweiblichung der Chefetagen scharf gerügt und mit der Einführung der Quotenpflicht auf EU-Ebene gedroht. Dann können auch die Mitterlehners der Republik nicht mehr aus – aber man kann es am Stammtisch wenigstens auf die böse EU schieben.

Rückfragehinweis: Der Standard Tel.: (01) 531 70 DW 445

Digitale Pressemappe: http://www.ots.at/pressemappe/449/aom

 

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